ALPenkunst

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Sarah stand auf der A81 im Stau und grummelte vor sich hin, während ihr Navi „Warnung: Verkehrsstörungen auf dieser Strecke“ prophezeite. Sie hatte extra die Route entlang des Schwarzwalds gewählt, in der Hoffnung auf schöne Aussicht. Immerhin hatte sie Julius keine genaue Uhrzeit genannt, nur dass sie irgendwann am Nachmittag in Friedrichshafen am Bodensee sein würde. In ihrem alten Ford Ka wurde es ziemlich warm; sie musste endlich den Ventilator der Lüftung reparieren lassen, so dass nicht nur wenn sie fuhr etwas Fahrtwind durch die Lüftung gedrückt wurde. Das Fenster aufmachen wollte sie nicht; es stank nach LKW. Da es gerade sowieso nicht weiter ging, zog sie ihr Handy heraus und ärgerte sich über den schlechten Empfang auf der Autobahn. Keine weiteren Nachrichten von Julius. Die anderen waren ohnehin nicht dem Discord Server beigetreten, den sie für sie aufgemacht hatte, weil sie nicht jedes Mal TOR benutzen wollte um zu chatten. Zu unsicher. Sie ging noch mal alle Nachrichten durch, um keine Fauxpas zu begehen, wenn Julius sie abholen und zu ihrem Versteck bringen würde. Es war so surreal. Erst vor einigen Wochen hatte Julius, ein ehemaliger Kommilitone, der allerdings Bildhauerei studiere, und ihre Kurse nur aus Interesse besucht hatte, und der schon immer seltsam aber aufregend anders war, sie wieder angeschrieben, und den Kontakt wiederhergestellt. Dass Julius ein Parakünstler war, und sich in der Szene auskannte, wusste Sarah schon seit sie in ihrem Studium bei einer Fete im Schanzenviertel dachte, man habe ihr irgendwelche Shrooms ihn ihren Joint gemischt, als Julius aus Knete ein Männchen geformt hatte, dass sich als Polizist ausgab. Dieses diskutiertedann eine Viertelstunde lang mit einer anderen Kommilitonin, weil es einen Drogenschnelltest in Form einer Bong mit ihr machen wollte.

Ihr war klar, dass sie ein Risiko einging, überhaupt mit Julius zu schreiben, und Julius wusste, dass das für ihn genauso riskant war. Sie standen an gegenüberliegenden Seiten einer Waage. Sie bei der Foundation, er bei einer AWCY-Zelle. Und doch standen sie sich auch nahe, wenngleich sie lange nichts voneinander gehört hatten. Vielleicht, weil sie sich schon immer kreativ verstanden. Manchmal sind Menschen eben auf einer Wellenlänge bei manchen Dingen, und bei anderen könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Deshalb war sie auch aufgeregt. Und sie war überrascht gewesen, dass, als sie ihm erzählte, dass sie beruflich in die Schweiz musste, er ihr bald angeboten hatte, bei der AWCY nahestehenden Gruppe von Parakünstlern der er angehörte, am Bodensee zu übernachten. Das konnte sie ihren Job kosten, oder ihr eine Beförderung einbringen. Die AWCY-Zellen im deutschsprachigen Raum waren unauffällig, und die Verlockung war ohnehin zu groß. Direkte Einblicke aus erster Hand, das war eben auch eine riesige Chance und sie fieberte seit Tagen auf diesen Moment hin, wenn auch nicht jeder dort über ihr Erscheinen begeistert sein würde. Ein Hupen ließ sie aufschauen und feststellen dass der Verkehr wieder einigermaßen floss, und sich vor ihr eine große Lücke aufgetan hatte, in die ein dicker BMW von rechts einscherte und für die nächsten hundert Meter Vollgas gab, um dann wieder auf 30 abzubremsen.

Sie war ziemlich erledigt, als sie in Friedrichshafen ankam. Sie war nun fast zehn Stunden gefahren, und hundemüde. Eigentlich hätte sie weiter im Norden übernachtet, aber sie wollte sich das einfach nicht entgehen lassen, und man hatte ihr nur einen Reisetag zugestanden, sonst wäre sie schon einen Tag früher aufgebrochen und hätte zwei Stopps gemacht. Wie besprochen parkte sie auf dem Seeparkplatz, und schloss kurz die Augen um sich etwas zu sammeln, ehe sie ausstieg und zum Hafen aufbrach. Als sie die Augen wieder öffnete, kam bereits ein Mann zielsicher auf sie zu, den sie nach einem Moment als einen einige Jahre älteren Julius identifizierte. Er trug inzwischen die schwarzen Locken kürzer, und hatte sich einen Vollbart wachsen lassen, so dass er in der Kombination aussah wie ein griechischer Sagenheld in dünn. Und er sah immer noch gut aus, und hatte so etwas Sicheres in seinem Gang, etwas unerschrockenes. Wenngleich es Quatsch war, am Gang allein so etwas erkennen zu wollen, und sie merkte dass sie ihn dämlich grinsend anstarrte, während er um das Auto ging, um auf der Beifahrerseite einzusteigen.
Hey Sarah, schön dass du da bist. Ich hab mir gedacht, wir überspringen den Spaziergang am Hafen, du bist sicher müde. Und wie sie das war. Sie tauschten Begrüßungen und eine verrenkte im-Auto-Umarmung aus, und sie startete den Motor.
Wo fahren wir denn hin?
Ach fahr einfach, ich dirigiere dich. Dein Navi findet das bestimmt nicht, ist etwas abgelegen.

Abgelegen war noch gar kein Ausdruck. Sie fuhren eine ganze Weile über eine leere, und immer schmaler werdende und unbefahrener aussehende Straße, wobei sie glaubte, dass Julius ihr nur die Orientierung nehmen wollte, als sie wieder auf eine Bundesstraße einbogen, und nach kurzer Zeit über einen Wirtschaftsweg einen Bauernhof erreichten.
So, da sind wir, sagte Julius der staunenden Sarah. Unsere kleine Kommune, in einem Bauernhof der gleichzeitig zwei Investoren gehört, die sich vor Gericht so lange darum gestritten haben, dass nun beide insolvent sind und das Gelände keinen richtigen Besitzer hat.
Sarah war so müde, dass sie kaum wahrnahm, was für ein kleines Paradies sie sich hier errichtet hatten. Der Bauernhof war zwar offensichtlich renovierungsbedürftig, aber hatte Charme, und es wuchsen Efeu, Rosen und Wein an den Wänden, und die Grünflächen ringsum waren zwar verwildert, jedoch auf eine natürliche und nicht heruntergekommene Weise.
Die anderen wissen alle Bescheid, und naja, offen gesagt sind nicht alle begeistert, aber wir haben abgestimmt und die Mehrheit war dafür, dich hier unterzubringen, und niemand hat sein Veto eingelegt. Wir sind hier basisdemokratisch, ohne Anführer, und suchen wenn es geht den Konsens, schließlich sind wir im Grunde eine Familie. Und jetzt komm, du siehst so müde aus, du brauchst einen Kaffee extra extra mit Schuss und Special von Lulu.
Sarah wollte widersprechen, dass sie keinen Alkohol wollte, aber war so müde dass sie keine Lust hatte etwas zu sagen.

Lulu war, nun, am einfachsten als eine Frau im weißen Kleid mit großen roten Punkten zu beschreiben, die die Küche beherrschte. Die wiederum sah aus, wie das Set eines Werbespots für französischen rustikalen Weichkäse. Sarah war sich nicht sicher, was sie genau sah, als Lulu durch die Küche huschte, um ihr besagten Kaffee zu machen. Mal wirkte sie wie eine Klischee-Französin in den Mittdreißigern, mal wie ein junges Mädel, das sich anschickt ein Picknick im Grünen vorzubereiten, mal wie eine alte Frau, die dem Klischee einer russischen Babuschka entsprungen zu sein schien. Jedes Mal wenn sie sich umdrehte, schien sie ein anderes Alter zu haben. Und sie drehte sich oft, als sie durch die Küche stob, und gleichzeitig Kaffeebohnen in einer Eisenpfanne auf einem offenen Feuer röstete, diese zur selben Zeit mahlte, Wasser kochte, und dieses durch den Handfilter goss.
Kaffee, mit dem ersten Extra und dem zweiten Extra!, trällerte sie, als sie eine große Blechdose öffnete, etwas von dessen Inhalt in den Kaffee warf, aus einem Streuer ein glitzerndes Pulver hinein streute, und den Schuss! in Form eines Tropfens einer roten Flüssigkeit hinzufügte. Das Special war jedoch die Tasse in der sie den Kaffee servierte: Ein handgeschmiedeter kleiner Becher aus Eisen. Lulu machte eine Pirouette und stellte den Becher mit einer grazilen Bewegung und dem Gesicht einer Vierzigjährigen vor Sarah hin, die mit Julius am Küchentisch saß. Ein Mal Kaffee mit extra extra, Schuss und Special! Macht dich in Windeseile wieder fit und munter!
Sarah war zwar allein durch den Anblick der Frau, die Energie geradezu ausstrahlte, etwas wacher, aber war so perplex, dass sie Lulu nur anstarren konnte.
Kannst du für Sarah vielleicht gleich bleiben? Sie ist das nicht gewohnt, bat Julius die Frau, die nun Sarah aufmunternd anlächelte. Der fiel wieder ein, warum sie eigentlich in der Küche war, und rechnete mit nichts besonderem, als sie den Kaffee an die Lippen setzte. Doch es war, als würde der Kaffee sie von ihren Lippen aus ganz durchströmen, als würden schwarzbraune heiße Wogen sie durchbranden, jede Faser ihres Körpers erreichen, und ihr neue Kraft spenden. Das Gefühl hallte noch nach, als sie den Becher, den sie ohne abzusetzen ausgetrunken hatte, seltsamerweise ohne sich die Zunge zu verbrühen, wieder auf den Tisch stellte. Sie fühlte sich, als wäre sie noch nie in ihrem Leben so wach gewesen. Sie war so überwältigt, dass sie gar nicht auf Lulu reagieren konnte, die sie nun breit angrinste, und den Becher zielsicher in hohem Bogen in die Spüle warf.

Na, wieder wach?, feixte Julius. Lass mich euch vorstellen. Lulu, das ist Sarah, unser Gast von der Foundation auf der Durchreise. Und Sarah, das ist Lulu, eigentlich Ludmilla Ludewig. Sie ist eine Hexe, und ihre Kunst sind Essen und Trinken. Wenn wir nur etwas mehr Zeit hätten, könnte sie dir zeigen, wie viel Abstraktion in Essen möglich ist. Kochen kann so viel mehr sein, als Nahrungszubereitung.
Eine Hexe?, fragte Sarah, die mit vielem gerechnet hätte, nur nicht damit.
Oh, ja, eine Hexe wie sie leibt und lebt, zu euren Diensten! Ich werde mir sogleich von meiner schwarzen Katze eine Warze für meine Nase bringen lassen!, scherzte Lulu, klatschte in die Hände, drehte sich, und hatte eine grässliche haarige Warze auf der langen Hakennase. Sie drehte sich erneut und die Warze war wieder verschwunden und die Nase normal.
Aber mal im Ernst, ja, ich bin eine Hexe, und habe neben dem Kochen und begrenzter Formwandlung noch andere Kräfte. Habe diese Kinder hier durch Zufall entdeckt und beschlossen dass diese Familie was Ordentliches zu beißen braucht. Außerdem geht mir hier niemand der was gegen Hexen hat auf den Wecker. Ich bin drei Mal während der Hexenverfolgung verbrannt worden, das hat mir gereicht. Aber du verrätst mich gewiss nicht, oder? Sarah hatte das Gefühl, dass der letzte Satz eine ohrenbetäubende Lautstärke hatte, und ihr fuhr für eine Sekunde eine fürchterliche Kälte in die Knochen. Sie hatte das unwirkliche Gefühl als wäre sie von Erde eingeschlossen, allein in der Finsternis. Unfähig sich zu bewegen oder zu atmen. Doch so schnell wie das Gefühl gekommen war, war es auch wieder fort, und Lulu lächelte ihr aufmunternd zu. Sarah hatte verstanden, und Lulu ebenfalls. Diese lähmende Erfahrung wurde von dem aufputschenden Kaffee (oder was auch immer das gewesen war) und Lulus mütterlicher, fröhlicher Ausstrahlung verdrängt, machte Sarahs unbändiger Neugierde Platz, und lies sie ihre übliche Zurückhaltung vergessen. Aber… hat man dich wirklich verbrannt? Das hatte sie jetzt nicht wirklich gefragt, oder? Tschuldigung, ich wollte nicht…, fing sie an, aber Lulu lachte und tätschelte ihre Hand, wie eine Tante die man versehentlich gefragt hat, warum sie zum vierten Mal geschieden ist, um dies nun detailliert darzulegen.
Haha, jeder stellt die Frage früher oder später, Mädchen! Aber ja, ich bin im Mittelalter mehrmals mit der Inquisition und anderen Hexenjägern aneinandergeraten. Habe mich damals sehr für die Betroffenen der Hexenverfolgung eingesetzt, aber auch ich konnte nicht überall sein, und auch ich bin nicht unsterblich; wenn man es richtig macht zumindest. Von meiner Art haben die kaum jemanden erwischt, das waren größtenteils einfach normale Menschen. Sowas liegt leider eurer Art im Blut, seit ihr die Zivilisation für euch entdeckt habt. Naja, jedenfalls ist es nicht angenehm, das kann ich dir sagen. Verbrennen ist verdammt schmerzhaft, und an Rauch ersticken ist unglaublich unangenehm. Aber naja, ich habe es überstanden.
Sarah bereute es, gefragt zu haben, wenngleich sie Lulu unglaublich interessant fand, und es ihr langsam dämmerte, dass sie hier eine Zeitzeugin vor sich hatte, die, so wie sie es andeutete, wesentlich älter war als das Mittelalter, und in ihr stiegen langsam so viele Fragen gleichzeitig auf, dass sie nicht wusste welche sie zuerst stellen sollte, und auf dem Barhocker auf dem sie an dem Tresen saß, der die Küche vom Esszimmer trennte, nervös herumhibbelte. Lulu bemerkte ihre Anspannung und öffnete den Mund um etwas zu sagen, als es draußen im Flur laut polterte und sich die Tür öffnete.

Hi, wir sind Frederike und Georg, und ja, wir heißen wirklich so, schön dich kennen zu lernen! Herein kamen ein junger Mann mit braunen Locken, stechend blauen Augen, und einem Schnurrbart, der ihm tatsächlich gut stand. Hinter ihm eine Frau gleichen Alters, ebenfalls mit braunen Locken und den gleichen stechend blauen Augen, und mit derart ähnlichen Gesichtszügen, dass sie nur Zwillinge sein konnten.
Frederike und Georg arbeiten gern mit einer Art symmetrischer Asymmetrie, und bedienen sich dafür jeder Kunstform die sie genug beherrschen., erklärte Julius, während Frederike sich neben Sarah setzte, und Georg sich auf der der Küche zugewandten Seite des Tresens, gegenüber von Frederike, an selbigen lehnte.
Naja, also wir versuchen, uns in jeder Kunstform zu versuchen, und bisher haben wir noch keine gefunden, in der wir gleich gut sind. Wir stellen zusammengehörige Gegensätze dar, schließlich sind wir zusammengehörig, aber gegensätzlich. Nicht nur körperlich, wir sind oft unterschiedlicher Meinung, sagte Georg, und schaute dabei Sarah an während er provokant vor Frederike herumgestikulierte.
Du meinst wir streiten, erwiderte Frederike und hielt seine Hand fest.
Nein, du streitest. Ich bin anderer Meinung, und weiß, mich ohne zu keifen auszudrücken. Frederike wurde rot. Die Beiden waren vermutlich Anfang 20, und hatten es wohl noch nicht aufgegeben, sich wie Halbstarke zu benehmen.
Kinder, bitte kein Gezanke in meiner Küche. Wir haben einen Gast!, unterbrach Lulu, als Frederike sich in ihrem Stuhl aufrichtete und zu dem schief grinsenden Georg vorbeugte um ihn anzugiften, sich dann aber darauf beschränkte, ihn anzufunkeln. Sie wandte sich stattdessen Sarah zu.
Sorry, Sarah. Willkommen bei uns, ich finde es spannend dass du hier bist. Georg findet es blöd, aber Georg ist halt auch blöd.
Das ist nicht korrekt. Wir sind genau gleich intelligent, das ist mehrmals getestet worden. Auch wenn ich kaum glauben kann, dass du so intelligent sein sollst wie ich. Und ich finde es lediglich nicht klug, jemanden von der Foundation hierher einzuladen. Nichts für ungut Sarah, aber wir wollen hier nur unsere Ruhe und keinen Ärger, nur weil wir die Kunst auf eine neue Ebene heben. Das hat nichts mit dir zu tun, nach Julius Erzählungen bist du mir ansonsten absolut willkommen, weshalb ich deinem Hiersein insgesamt neutral gegenüber stehe.
Es stach etwas, dass er das sagte. Sarah war zwar völlig klar, dass sie sich hier nicht nur unter Freunde mischte, aber Sarah schluckte die Mischung aus Angegriffenheit und Angst herunter, und versuchte genau so sachlich zu bleiben wie Georg es war. Das kann ich verstehen. Aber ich habe kein Interesse daran, euch zu verraten. Ich bin an erster Stelle Wissenschaftlerin und Kunstliebhaberin.
Lulu erhob jedoch beschwichtigend die Hände, und ergriff das Wort: Kinder, wenn Sarah uns schaden wollte, hätte sie das Haus gar nicht betreten können, dank Kevs ‚Gesinnungstür‘. Und ich bin mir sicher, dass sie auch in Zukunft schweigen wird, sollte sie nach uns gefragt werden.. Sarah hatte wieder dieses kalte, drückende Gefühl als Lulu das sagte.

Appropos, wo sind denn eigentlich Kev, Nora und Jeanne?, fragte Lulu an die Zwillinge gewandt, die sich nun friedlich ein Glas Wasser teilten.
Nora sagt, sie will nicht herunter kommen, und programmiert noch irgendetwas, antwortete Georg, und Frederike fügte zu Sarah gewandt hinzu Nora ist auch ein Gast hier, wenn auch für länger, aber hat deshalb in unserer Familie keine Stimme: Aber puh, da muss mal was mit der Foundation vorgefallen sein, sie war stinksauer und hat mehrmals überlegt hier abzuhauen und erstmal woanders unterzukommen. Nichts gegen dich, wirklich, aber ich glaub sie hat echt Angst.
Naja, das war zu erwarten, oder? Aber lass uns jetzt nicht darüber reden, Nora ist sauer auf uns, nicht auf dich Sarah. Das klären wir später, relativierte Georg.
Sarah spürte wieder wie es stach, und sie sich auf die Foundation reduziert fühlte. Dabei arbeitete sie da nur, und dafür war sie doch gar nicht hier, sie war hier ganz privat.
Frederike beantwortete Lulus Frage weiter: Jeanne ist in ihrem Bild. Ich hab ihr einen Zettel davor hingelegt, denn die Farbe war noch frisch, und ich wollte nicht schon wieder rein gehen und ihr Bild durcheinanderbringen. Sie ist wohl tiefer drin und hat auf Rufen nicht geantwortet. Und Kevin ist vorhin nochmal los, in den Baumarkt.
Kev hasst es, bei seinem ganzen Namen genannt zu werden, so wie du es hasst, Fred genannt zu werden. Der Respekt gebietet, diesen Wünschen zu entsprechen, Fred, stichelte Georg und kassierte einen Tritt um den Thresen herum, für den er sich durch kneifen revanchierte, so dass Lulu sich zwischen die beiden stellte und wie eine Mutter, die versucht ihre streitenden Kinder ruhig zu stellen, beiden eine Hand auf den Arm legte. Irgendwie ergänzten sie sich trotz ihrer Widersprüche tatsächlich in einer grotesken Form von Harmonie, fand Sarah.
Julius ging ebenfalls dazwischen, indem er erklärte: Kev ist Handwerker. Schmied, Tischler, sogar Glasbläser. Wenn du nur mehr Zeit bei uns hättest, es ist so bewundernswert, wie er arbeitet, und was er schafft. Er wird sicher nachher dazu kommen, er arbeitet nie nach Sonnenuntergang, aber dafür tagsüber wie ein Berserker.
Ja, und das sieht man ihm auch an., sagte Frederike mit aufreizender Stimme.
Ach hör doch auf, jeder weiß dass du…, begann Georg, wurde aber von Julius so böse angeschaut, dass er seine Provokation herunterschluckte. Julius fuhr fort: Jeanne ist Malerin. Sie hat eine Technik gefunden, um ihre Gemälde tatsächlich zu betreten, und darin räumlich zu malen. Das hört sich wild an, ist aber noch viel wilder, wenn sie ihre begehbaren Gemälde ausstellt. Das ist allerdings extrem aufwändig. Sie verbringt sehr viel Zeit darin, und ich glaube manchmal, dass sie die Zeit darin anders laufen lässt als außerhalb. Ihre täglichen Fortschritte sind teils doch ein wenig zu groß.
Und Nora ist wie erwähnt auch als Gast bei uns. Sie kommt und geht, wie sie es gerade braucht, und deshalb können wir sie auch nicht ganz aufnehmen. Wir wollen, dass unsere Familie stet ist, und eine enge und stabile Gemeinschaft. Sie macht jedenfalls digitale Kunst, und wie Frederike sagt, ich glaube sie hat echt Angst vor der Foundation. Ich vermute, sie ist da mal ausgebrochen. An sich ist sie ganz lieb. Vielleicht kommt sie ja später noch dazu., ergänzte Frederike.
Erneut versetzte es Sarah einen Stich, und sie hoffte wirklich, dass sie nicht noch weiter damit konfrontiert würde. Ihr war klar, dass die Foundation zu den Guten gehörte, nicht zu den Netten.

Sie schwatzten, Frederike und Georg tauschten Nettigkeiten aus, und sie gingen ins Wohnzimmer wo Sarah sich zu Julius auf ein kleines Sofa setzte. Es wurde langsam Abend, als ein Auto auf den Hof fuhr. Ein großer athletischer Mann mit langen blonden Haaren, in kurzer Hose und Metalband-Shirt stieg aus und kam zum Haus.
Kev, Kev, Kev! begrüßte Frederike strahlend den Mann, dessen Stattlichkeit Frederike nicht untertrieben hatte, als dieser sich zu ihnen gesellte. Schau mal wer da ist!, deutete sie auf Sarah. Kev kam zu Sarah herüber und reichte ihr grinsend die Hand. Hallo Sarah, schön dass du da bist.
Er setzte sich zu ihnen in einen Sessel und seufzte entspannt. Es wird schon dunkel, ich räume das Auto morgen aus. Und zu Sarah gewandt erklärte er: Ich arbeite nie nach Sonnenuntergang, musst du wissen. Ich hab früher immer alles durcheinander gemacht, aber irgendwann beschlossen, meinen Tag strikt aufzuteilen, und das funktioniert perfekt. Hatte mal Burnout als ich noch als selbstständiger Handwerker gearbeitet habe und nicht als Künstler, weil ich keinen anständigen Tagesablauf hatte, aber jetzt ist alles geordnet und entspannt.
So, da du nun da bist, mache ich mich mal ans Abendessen. Kann jemand von euch Jeanne holen gehen? Und Nora soll auch runter kommen, denn wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss sehen was übrig bleibt. Außerdem ist es unhöflich sich zu drücken. bat Lulu und erhob sich um in die Küche zu gehen. Frederike sprang auf, grabschte Georgs Hand und zog ihn mit um Lulus Bitte nachzukommen, was dieser nur unter Protest tat.

Kev schaute den beiden hinterher, von denen einer auf der Treppe trampelte. Ach diese beiden. Manchmal frage ich mich, ob die nicht eine zweiteilige Manifestation ein und derselben Person sind. Oder hast du die jemals weiter als einen Meter getrennt gesehen?, fragte er, an Julius gewandt.
Nein, tatsächlich nicht. Aber sie sind halt Zwillinge, die sind manchmal so. Und wer weiß, vielleicht teilen sich manche Zwillinge wirklich eine Seele, antwortete dieser.
Nach einem Moment der peinlichen Stille, in dem wohl jeder über ein gutes Gesprächsthema nachdachte, wandte Kev sich an Sarah: Hm… Und du Sarah? Du bist unterwegs zu einem Einsatz in die Schweiz?, fragte er.
Ja, ich bin dort erstmal für ein Jahr für ein Projekt, und komme eigentlich von der Nordsee. Und, wow, ich finde es einfach echt cool hier, und bin total dankbar, dass ihr mich unterbringt.
Ach, nicht der Rede wert. Wenn Julius sagt, du bist in Ordnung, bist du in Ordnung. Nicht jeder in der Foundation vertritt 100% ihre Politik. Du bist ne Forscherin. Wärst du jetzt in einem MTF oder so, wäre mir das Risiko auch zu groß. Kev schien nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, auszusprechen was ihn umtrieb, und er fuhr fort: Wir haben hier unsere Kommune als Exil vor der Gesellschaft, die uns nicht akzeptieren kann, und wollen, dass es so bleibt. Und wir haben auch nichts mit AWCY zu tun, auch wenn die Foundation uns als Teil von ‚ALP‘ klassifiziert, das ist die lokale AWCY-Zelle. Wir passen auf, dass wir nicht auffallen. Wir wollen einfach unsere Ruhe und auch niemandem weh tun. Keines unserer Kunstwerke ist gefährlich, und auf einem Foto sieht alles ganz normal aus. Ich meine, wir posten unsere Sachen in sozialen Medien und außer Eingeweihten und Anart-Kennern merkt niemand was da eigentlich ist. Ich verstehe auch ehrlich gesagt nicht, was manche sich davon versprechen, gefährliche Kunst zu machen, oder gar die Bevölkerung oder die Foundation aktiv anzugreifen. Mit sowas wollen wir nichts zu tun haben, und ich hoffe, das ist der Foundation klar, erklärte er, und hatte dabei aber einen so sachlichen Tonfall, dass Sarah sich dieses Mal nicht unwohl fühlte, sondern ihm eher beipflichtete. Sie kannte Julius als erklärten Pazifisten aus der Hamburger linken Szene. Er würde sich nie mit Gewalttätern und Extremisten zusammentun. Und sie selbst würde sich - Foundation hin oder her - auch nicht mit den radikalen Zellen von AWCY abgeben wollen.
Sie bemerkte nicht, wie Frederike und Georg mit einer jungen, dünnen Frau dazu gekommen waren, die das Thema aufgriff: Trotzdem jagen sie uns und wir müssen uns verstecken. Sie setzte sich etwas von Sarah entfernt etwas steif dazu, und war sichtlich errötet, wodurch sie sich deutlich von ihrem farblich etwas ungünstigen beigen Top abhob, das nahtlos in ihre blassen Arme überzugehen schien, und das mit ihrem schwarzen Rock mit Totenköpfen kontrastierte. Sie schien Sarah mit einem eisigen Blick durchbohren zu wollen, doch Georg relativierte rasch: Würde uns die Foundation jagen, hätte sie uns hier schon erwischt, Jeanne. Wir sind vorsichtig, und die lassen uns in Ruhe. Mich würde nicht wundern, wenn die eh wissen wo wir sind und nur den Aufwand scheuen. Der Erfolg dieses Versuchs blieb allerdings aus, denn Jeanne schien nur wütender zu werden.
Na toll, und dann?!, rief sie. Dann ist es nur eine Frage der Zeit bis sie uns holen. Wir haben nie was gemacht, haben nichts verbrochen, und müssen uns trotzdem verstecken! Das ist eine beschissene Hexenjagd!, ereiferte sich Jeanne. Ein lautes Räuspern aus der Küche ließ sie verstummen und kleinlaut werden. Tut mir leid Lulu, das war nicht so gemeint.
Lulu kam, mit rasender Geschwindigkeit einen Teig in einer Schüssel knetend, aus der Küche. Schon okay. Aber bitte, kein Gestreite. Sarah ist sauber. Du weißt dass es so ist, wenn ich das sage, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch zulies. Sofort wurde Jeanne ruhiger und entspannte sich sichtbar.
Ja. Sorry Sarah, entschuldigte sich Jeanne. Ich will halt einfach nicht, dass die mich in irgendein Loch stecken, foltern und verrotten lassen, so wie Nora, nur weil ich irgendwann was gelernt habe was andere nicht können. Nur weil anders bin. Das ist doch scheiße.
Moment mal. Nora war schon mal bei der Foundation in Haft?, fragte Julius erstaunt. Nachdem die Röte langsam aus ihrem Gesicht gewichen war, wurde Jeanne nun blasser als es normal für sie zu sein schien. Dieses Thema schien sie noch mehr aufzuwühlen.
Ach Mist, das sollte ich nicht erzählen. Ach Mann. Ja, war sie, aber sie hat mir das im Vertrauen gesagt. Sie will nicht darüber ausgefragt werden, und sich nicht daran erinnern müssen. Deshalb sagt sie nichts, und bitte sagt ihr nicht, dass ich mich verquatscht habe. Aber ja, und die haben sie da wie Scheiße behandelt. Haben sie in eine Zelle eingesperrt, mit irgendwelchen Maschinen durchleuchtet, irgendwelche Untersuchungen gemacht, ihr wehgetan um sie zu testen, und ihr nicht mal Bücher oder so gelassen. Die haben ihr sogar das Essen vorenthalten und ihr nur eine Nährstofflösung zu trinken gegeben als sie sich geweigert hat zu kooperieren. Das sind grausame Schweine, wie die Stasi oder die Gestapo! Ich will einfach nicht, dass die mich kriegen! Oder jemanden von euch. Frederike setzte sich zu der mit der Fassung ringenden Jeanne, und nahm sie in den Arm, um sie zu beruhigen. Sarah wurde die Situation ziemlich unangenehm, so dass ihr gar nicht auffiel, dass Georg auf dem Sofa auf dem er saß auf die andere Seite rutschte, wo er näher bei Frederike war.
Das tut mir schrecklich leid, das wusste ich alles nicht…, begann Sarah, und fühlte einen gewaltigen Klos in ihrer Kehle aufsteigen, aber Julius legte ihr den Arm um die Schulter, drückte sie an sich, und wiegelte ab.
Sarah ist Kulturwissenschaftlerin, und macht sonst zum Beispiel archäologische Ausgrabungen oder kulturelle Forschungen, Jeanne. Sie hat mit solchen Sachen nichts zu tun. Der Klos schrumpfte wieder etwas, und sie lehnte sich an Julius, der sie sanft aber bestimmt im Arm hielt. Sie fühlte, wie die Situation sich entspannte, und wie Julius sie beruhigte, wie er es schon immer geschafft hatte. Sie wusste zwar, dass die Foundation nicht zimperlich war, aber da sie nicht mit den Betroffenen zu tun hatte, war das so weit von ihr entfernt, dass sie nie darüber nachdachte.
Es ist doch so, dass wir die Foundation brauchen, begann Georg zu relativieren. Wir wissen alle, dass es Dinge gibt, die eine enorme Gefahr darstellen, für die Menschheit, unsere Zivilisationen, aber auch das Leben auf der Erde insgesamt. Darum muss sich jemand kümmern, und ich finde es ehrlich gesagt besser so wie die Foundation es macht, als wie die GOC einfach alles zu ermorden und zu zerstören. Aber das muss auch anders gehen. Ich glaube, die Foundation ist einfach zu sehr in eingefahrenen Mustern und viel zu wenige überblicken das Ganze, um was zu ändern. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es nicht nur in der normalen Gesellschaft, sondern auch in der Foundation Kräfte gibt, die den Status quo überdenken, und Missstände zu ändern trachten. Aber dennoch, dass es in der Foundation Akteure gibt, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind, und denen kein Riegel vorgeschoben wird, ist ein Unding.
Ja das finde ich ja auch. Ich habe damit kaum zu tun und kenne auch niemanden so wirklich, der mit empfindungsfähigen Anomalien arbeitet. Aber ich finde dass wir die Menschlichkeit nicht vergessen dürfen, sonst sind wir nicht besser als irgendwelche Verschwörer, Geheimbünde und Terroristen, erklärte Sarah sich, aber das Thema schwand auch schon wieder, denn Lulu brachte ein Tablett gute-Laune-Tee, der leicht nach Hanf roch, und verkündete dass das Abendessen, ‚Hexe im Schlafrock mit ohne Hexe‘, im Ofen war. Kev bestellte die Hexe stattdessen mit ohne Schlafrock, woraufhin Lulu ihm ein derart deutliches Zwinkern zuwarf, dass Sarah sich fast sicher war, ein Cartoon-Zwinker-Geklimper gehört zu haben.

Die Hexe im Schlafrock mit ohne Hexe oder mit ohne Schlafrock, war ein unglaublich leckerer Blätterteigauflauf, der mit Rinderhack, Ziegenkäse, Koriander, Spinat, und einigen Wiesenkräutern die Lulu im Garten gepflückt hatte, gefüllt war.
Für den Rest des Abends unterhielten sie sich über Kunst im Allgemeinen, und, was Sarah gerade viel mehr interessierte, über Parakunst, zu der Kev erklärte: Es ist ja nicht so, als wären wir alle Magier oder so. Ich weiß nicht, woher diese Fähigkeiten kommen, und die meisten Parakünstler haben ja sonst auch keine anderen Fähigkeiten. Vielleicht beugt sich die Realität einfach irgendwann dem abstrakten Gedanken der dahinter steckt. Gibt ja auch Parakünstler, die nicht kontrollieren können, ob und was sich in ihrem Werk manifestieren wird. Manche benutzen auch kleine Rituale, damit ihre Kunst überhaupt Eigenschaften manifestiert.
Und Jeanne erklärte:
Ja, bei mir war es so, dass ich mal an einer Auftragsarbeit auf einer richtig großen Leinwand gearbeitet habe, und bin wohl dabei eingeschlafen. Ich habe geträumt, dass ich durch mein Bild wandern würde, und als ich aufgewacht bin, war ich tatsächlich in meinem Bild. Muss nur aufpassen, nicht zu weit hinein zu gehen, habe mich mal in einem meiner Gemälde verlaufen. Naja, jedenfalls kann ich es seitdem. Sie hatte sich längst beruhigt, Sarah zwischendurch zur Entschuldigung umarmt, und hatte Nora, die auf ihrem Zimmer blieb, etwas vom Abendessen gebracht.
Bei mir war es etwas anders. Bei mir sind es kleine Rituale. Ich habe gemerkt, dass ich, seit ich nur zwischen Sonnenauf- und -untergang arbeite, irgendwie Dinge leichter so hinbekam, wie ich sie mir vorstellte. Habe das erst auf meine bessere Ordnung und Konzentration durch weniger Stress geschoben, aber habe dann gemerkt, dass ich Dinge bauen kann, die so eigentlich gar nicht möglich wären, als ich mal nach einer nachmittäglichen Grillparty hart angetrunken die Stunden vor Sonnenuntergang nutzen wollte. Hier zum Beispiel, die Kommode da. Die Schubladen sind länger als die Kommode tief ist, ohne hinten raus zu kucken, schau mal. Kev erhob sich, ging zu der Kommode und zog eine Schublade heraus, die sich bestimmt einen Meter weiter herausziehen lies, als es hätte möglich sein dürfen. Sarah staunte, und Julius erzählte:
Naja, bei mir kennst du es ja. Ich konnte das schon immer. Also, meine Bildnisse lebendig machen, oder ihnen besondere Eigenschaften geben, wie die Farbe. Du weißt schon welche.
Oh die Farbe, ja die ist toll… hast du noch welche? fragte Sarah.
Hehe, ja ich habe noch welche, kann gerne nachher mal danach schauen. Sarah grinste ihn bejahend an.
Hä? Was für Farbe? Hast du ne besondere Farbe, Julius? Also, bei Farbe bin ich immer ganz Ohr! unterbrach Jeanne. Bei dieser Farbe handelte es sich um eine stark aphrodisierende Bodypainting-Farbe, die auf eine ganz besonders effektive Weise auf der Haut kribbelte, und alles Weitere zu einem ganz besonders intensiven Erlebnis werden ließ.Ach, eine spezielle Farbe halt, die… begann Julius, doch Sarah raunte
Zeig sie ihr doch irgendwann mal… dazwischen.
Der Rest des Abends verlief für Sarah weiterhin sehr angenehm. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, und vermieden das Thema Foundation erstmal, stattdessen erzählte Kev wie er mal einen Kamin ganz aus Holz gebaut hatte, in dem man Steine verbrennen konnte, und Jeanne zeigte ein Bild, das mit einem anderen Bild verknüpft war das in ihrem Zimmer hing, und gerade so groß war, dass sie hindurch passte und sie es in einem Rucksack transportieren konnte, als Fluchtweg für den Notfall. Frederike und Georg vertrugen sich zunehmend je später es wurde, und nachdem Lulu den Schlummertrunk XXS ausgegeben hatte - ein Fingerhut mit brodelndem Schlehenfeuer, brachte Julius Sarah nach oben, um ihr das Gästezimmer zu zeigen.
Sag mal, du sagtest doch du hast die Farbe noch… begann Sarah, etwas aufgeregt.
Oh ja, in meinem Zimmer, ich zeig sie dir gerne. Ich habe auch noch andere Accessoirs die du noch nicht kennst, raunte er zurück, nahm sie an die Hand, führte sie in sein Zimmer, und von dort ins Reich der Fleischlichkeit.

Als sie am Morgen erwachte, war sie sehr entspannt, obwohl sie noch lange aufgeblieben waren. Sie kuschelte sich an Julius der noch leise schnarchte, und fragte sich, ob sie nicht einfach hier bleiben könnte. Dieser erwachte kurz darauf und nahm sie in die Arme.
Sag mal, meinst du die anderen haben was gehört?, fragte sie nach einer Weile.
Hehe, nein, wir haben alles gut schallisoliert. Weißt du, jeder macht mal Krach auf die ein oder andere Weise. Streiten, Musik hören, Sex und andere Dinge. Wir sind ja wie eine Familie, aber nicht wie Verwandte sondern wie Partner, und alle von uns sind irgendwo mehr oder weniger Befürworter der freien Liebe. Und wir haben auch oft Gäste die das nicht selten ebenso sehen. Also, nicht alle, Jeanne ist sehr zurückhaltend, außer bei Nora, und Nora ist… seltsam. Naja, die Farbe juckt langsam, wir sollten uns duschen.
Partner und freie Liebe, das klang immer besser. Sie bekam von Julius einen Bademantel, und sie gingen zum Bad auf dem Flur. Ein kleines Bad mit Toilette hatte jeder an seinem Zimmer, aber es gab zwei Badezimmer mit Dusche und Wanne, die sie alle benutzten. Sie duschten zusammen und wuschen einander die Farbe ab, die als sie nass wurde wieder zu prickeln begann, weshalb sie etwas länger brauchten als üblich - waren sie doch noch mit anderen Dingen beschäftigt als zu duschen. Als sie später frisch geduscht und glücklich zum Frühstück in die Küche gingen, waren dort bereits Lulu und Kev, der ein komplettes englisches Frühstück verdrückte, und eine relativ große junge Frau, mit einer Reihe Piercings an den Ohren, und deren Haare die Farbe zu wechseln schienen.
Hi, ich bin Nora, oder ParaNora, sorry, dass ich gestern Abend nicht da war, aber ich war in einem Flow und wollte den nicht unterbrechen. Sie gab Sarah die Hand und schien sie gar nicht mehr loslassen zu wollen, während sie sie angrinste.
Julius schaute skeptisch zu, bis Lulu Sarah begrüßte und ihr einen Guten-Morgen-Sonnenschein-Kaffe mit Turbo Boost anbot, mit zwei Buttercroissants. Im Kaffee spiegelte sich die Sonne, und schien etwas zu leuchten, obwohl es erst halb acht war und die Sonne sich noch hinter Bäumen versteckte. Er schmeckte, zusammen mit dem Croissant, als wäre Sarah in einem Gemälde eines Frühstücks in einem Straßenkaffee im Paris des 19ten Jahrhunderts. Sie fühlte unter sich einen dieser Stühle aus Schmiedeeisen, sich gegenüber Julius, der mit ihr die Vision teilte. Sie fühlte die kühle frische Brise, hörte wie Karren über Pflaster polterten, Leute in Zeitungen blätterten und auf Französisch schwatzten, als Lulu in ihrem blau-weiß quergestreiften Kleid erschien und andere, schemenhafte Gäste bediente. Die Vision verblasste als sie aufgegessen und den Kaffee ausgetrunken hatte. Sie fühlte sich überwältigt von dem Erlebnis, und war überglücklich. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so gut aufgehoben gefühlt.
Das ist ein Teil dessen, was ich meinte als ich sagte, dass Lulu abstrakt kocht. Kev frühstückt gern in einem englischen Pub, deshalb reagiert er auch nicht. Und Lulu lässt dankenswerter Weise die realistischen Gerüche weg, oder? fragte Julius.
Ja, Paris hat früher fürchterlich gestunken, das kann ich dir sagen. War damals ganz normal, aber für heutige Maßstäbe unerträglich. Und es war ja ein Konstrukt, meine Erinnerungen zeige ich nicht so einfach, da bin ich geizig, lachte sie.
Das war… einfach großartig!, lobte Sarah. Und etwas wehmütig fügte sie hinzu: Am liebsten würde ich einfach hier bleiben, ihr habt es so schön hier…
Naja, wenn du die Foundation irgendwann leid bist, weißt du ja wie du mich erreichst, du bist mir immer willkommen, Sarah, bot Julius an.
Aber jetzt nützt es nichts, die erwarten dich in den Alpen, und du musst auch bald los, und auf der Hauptstraße 17 wird gebaut, also fahr die A3 und Hauptstraße 8 bis Schwyz, und dann die A4 bis Altdorf und dann bist du rechtzeitig zu deinem Termin um halb 12 da, riet Lulu ihr. Sarah war noch immer viel zu überwältigt um zu merken, dass Lulu scheinbar wusste wo sich der Standort befand, und dass sie nie gesagt hatte dass ihr Termin um 11:30 war.

Frederike und Georg kamen gerade, einander mit den Ellenbogen puffend, die Treppe herunter als Sarah aufbrechen wollte, und Frederike schrie Jeanne! Jeaaaanne! Sarah macht sich auf den Weg! Komm Tschüss sagen! ins Treppenhaus.
Jeanne ist entweder vor allen anderen auf, und malt bereits wenn wir aufstehen, oder sie schläft bis mittags, erklärte Georg. Sie warteten etwas, bis eine völlig verschlafen aussehende Jeanne im Bademantel herunter kam und sich an Nora abstützte, die Sarah immer noch seltsam angrinste. Sie umarmte alle zum Abschied und bedankte sich nochmal für die Gastfreundschaft, ehe sie sich wieder auf den Weg machte. Sie winkte den Mitgliedern der Familie zu, die vor dem Haus standen und winkten, ehe sie vom Hof fuhr und auf die Bundesstraße einbog. Sie hatte lange nicht mehr so viel Spaß gehabt und Julius, Frederike und Georg, Kev, Jeanne und selbst Nora waren allesamt total nette Leute. Sie musste Julius unbedingt fragen, wo er diesen großartigen Kaffee herbekam.

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