Eine Geschichte der kleinen Rache

"Eine Geschichte der kleinen Rache" oder "Doktor Cimmerian steckt ein unverpacktes Stück Kraft-Scheiblettenkäse für zwei Minuten in die Mikrowelle des Pausenraums von Standort-19"

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10.26 Uhr


Eine unscheinbar aussehende Frau öffnete die Tür zum Wartezimmer. Sie rückte mit einer Hand ihre Brille zurecht, hielt mit der anderen ein Klemmbrett und las schnell den Namen des nächsten Falls.

"Mister Cimmerian? Das Komitee zu Lösung von Personalstreitigkeiten wird Sie nun empfangen."

Ein irgendwie pummelig aussehender Mann, der immer noch Narben eines längst vergangenen Feuers trug, stand höhnisch auf.

"Das ist Doktor Cimmerian, danke Ihnen." Seine leicht hohe und unverkennbar südländisch gedehnte Sprechweise korrigierte sie mit einem Ton der Empörung.

"Ja, tut mir leid, Doktor Cimmerian." Die Frau rollte mit den Augen und markierte den Namen auf ihrem Klemmbrett, bevor sie die Tür für ihn offen hielt. Sie führte ihn einen engen, strukturlosen Korridor entlang bis zur nächsten Tür links, welche sie ihm ebenso offen hielt. Nachdem Cimmerian eingetreten war, schloss sie sanft die Tür und zog eine Grimasse.

"Was für ein Arsch."


10.32 Uhr

Cimmerian ging in den Raum und die Tür schloss sich hinter ihm. Eine einzelne Leuchtstofflampe, die an der Decke hing, erleuchtete einen einfachen Stuhl und einen Schreibtisch weiter vorne, auf den kürzlich eine Flasche Wasser gestellt worden war. Ein paar Meter weiter weg vom leeren Schreibtisch war ein riesiger Monitor, die eine in Schatten gehüllte Gestalt zeigte. Trotz des Vorhandenseins von Faktoren, die eine gesunde Person einschüchtern würden, schlenderte Cimmerian lässig zum Stuhl und nahm Platz.

"Hey, Leute. Lange nicht gesehen! Wann war das letzte Mal, als ich hier war? Während des ganzen 650.000-E-Mail-Fiaskos? Ich mag, was ihr aus dem Ort gemacht habt. Das Wasser ist eine nette Geste." Als er sprach machte sich Cimmerian daran, die Flasche vor ihm zu öffnen. Als der Deckel aufging, warf er ihn lässig hinter sich und schluckte den Inhalt der Flasche in einem langen Zug und schnappte dann nach Luft.

"Gott sei Dank, ich war ausgetrocknet."

Die Gestalt auf dem Monitor war für einen Moment still. Obwohl ihr Gesicht nicht sichtbar war, hob sie beim Anblick von Cimmerian, der laut die leere Plastikflasche zerdrückte, ihre Handfläche an die Stirn.

"Hallo, Jeremiah Cimmerian." Die Gestalt sprach mit einer verzerrten Stimme. "Das Personalkomitee hat vor kurzem mehrere Beschwerden bezüglich Ihres Verhaltens erhalten. Nachdem eine überwältigende Menge an Berichten …"

"Haben Sie das nicht schon zehn bis fünfzig Mal angesprochen?", unterbrach Cimmerian und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

"Ja, Doktor Cimmerian. Sie waren bei der Entscheidung anwesend. Also, wie ich sagte, erhielten wir eine überwältigende Anzahl an Berichten bezüglich ihres Verhaltens im Pausenraum des Standorts. Normalerweise würden wir …"

"Was zur Hölle habe ich getan?", unterbrach er wieder.

"Cimmerian, lassen Sie mich ausreden! Hören Sie auf zu unterbrechen, verdammt!"

"Doktor Cimmerian!"

Der Raum war für einen Moment still, bevor die mysteriöse Gestalte einen lauten, langen Seufzer ausstieß.

"Wie auch immer … Wir erhielten mehrere Beschwerden darüber, dass Sie die Mikrowelle im Pausenraum dazu nutzen, äh, Fisch darin aufzuwärmen."

"Nun, ja. Ich wärme mein Thunfisch-Sandwich für eine ganze Minute darin auf, sobald die Mittagspause anfängt. Ich bin gerne der Erste, damit ich nicht in der Schlange stehe."

Obwohl der Stimmverzerrer es kaschierte, war der Personalvertreter angewidert und würgte fast. Nachdem er seine Fassung wiedererlangte, räusperte sich der Sprecher und schüttelte seinen Kopf, bevor er fortfuhr.

"Ich bin mir sicher, dass Sie sich bewusst sind, dass dies einen … nicht sehr angenehmen Geruch erzeugt, korrekt?"

"Zur Hölle bin ich mir bewusst. Deshalb wärme ich es nicht in meinem Büro auf. Einmal hat meine Schwester ihren Thunfisch in der Mikrowelle aufgewärmt, als wir aufgewachsen sind. Der ganze verdammte Wohnwagen hat fast ein ganzes Jahr lang bis zum Himmel gestunken."

"Und warum tun Sie es dann einmal täglich in einem Gebiet mit Massenkonzentration?"

"Ich haben Ihnen doch gesagt, warum. Ich will nicht, dass mein verdammtes Büro nach Fisch stinkt."

"Ist Ihnen nicht klar, dass Sie im Arbeitsbereich ein ungünstiges und negatives Umfeld schaffen und schlechte Beziehungen zu Ihren Mitarbeitern fördern? Sehen Sie nicht, wie dieser unangenehme Geruch Ihren Kollegen mit sensiblen Nasen Probleme bereiten kann?"

"Es ist nicht meine Schuld, dass Kain ein Hund ist. Und außerdem ist es nicht so, dass sie im Pausenraum sitzen und essen müssen. Es gibt genügend Orte, wo sie hingehen können. Wenn ich mein Mittagessen in meinem Büro esse, habe ich es den ganzen Tag mit dem Gestank zu tun."

"Aber es wäre rücksichtsvoll."

"Und?"

"Es ist einfach unhöflich."

"Aber nicht gegen irgendwelche Regeln."

Die Gestalt stand auf, bewegte sich vom Bildschirm und ließ Cimmerian einen kurzen Moment allein. Die Geräusche der Verärgerung waren kaum durch die Verzerrung des Mikrofons zu verstehen, aber Cimmerian war es egal. Er war eher darauf konzentriert, auf seine Uhr zu schauen.

"Hören Sie. Ich muss gehen. Ich habe in ungefähr fünfzehn Minuten ein Meeting in Flügel 34-B und sollte nicht zu spät kommen. Ich stehe jetzt auf und gehe, okay? Sie können mir eine E-Mail schicken oder so, wenn Sie wollen, dass ich wieder auftauchen soll oder was auch immer. Bis dann."

Damit schob Chimmerian seinen Stuhl zurück, verließ den Raum und ließ die schattenhafte Gestalt murrend auf dem Monitor zurück.


13.04 Uhr

Doktor Cimmerian ging in den Pausenraum, sein kaltes Thunfisch-Sandwich in den Händen haltend. Die Mittagspause würde erst in sechs Minuten beginnen, aber es war ihm egal, früher zu essen. Er näherte sich der guten alten, zuverlässigen Mikrowelle, bemerkte aber, dass etwas nicht in Ordnung war.

Ein Klebezettel war darauf, auf dem stand: "Bitte lesen Sie die neuen Regeln zur Mikrowellennutzung." Seine Augen wanderten zu einem großen laminierten Schild. Alles schien beim Alten zu sein, außer, dass eine Sache hinzugefügt wurde. Da war es, direkt unter dem letzten Grund, warum Bright von der Nutzung des Geräts ausgeschlossen war: "Alle Angestellten werden darum gebeten, keinerlei Fisch oder Meeresfrüchte in der Mikrowelle zu erwärmen. Diese Regel wird gewissenhaft umgesetzt."

Cimmerian grummelte und schaute auf das ordentlich eingewickelte Sandwich in seiner Hand. Was er getan hatte, entsprach genau den Regeln, warum jetzt etwas ändern? Er sollte das Recht haben, sein Sandwich so zu essen, wie es ihm beliebt.

Unzufrieden mit der Situation näherte er sich dem Kühlschrank auf der Suche nach einem Soda, um es für sich zu beanspruchen. Wo er gewöhnlich ein herrenloses Getränk fand, fand er stattdessen eine offene Packung Kraft-Scheiblettenkäse. Er fischte eine Scheibe aus dem Kühlschrank, sah sie an und warf dann einen Blick auf die Mikrowelle.

Er hatte eine Idee.

Einen Stuhl zur Theke ziehend, auf der die Mikrowelle stand, legte Cimmerian sein Sandwich für einen Moment ab und machte sich daran, das gelbe Milchprodukt-Viereck auszupacken. Als das Plastik entfernt war, öffnete er die Mikrowelle und legte das Stück so mittig wie möglich auf die Drehplatte. Bevor er sich wieder setzte, stellte er den Timer auf zwei Minuten und nahm Platz.

Als das stark bearbeitete Milchprodukt anfing, Blasen zu schlagen und zu sprudeln, wickelte Cimmerian sein kaltes Thunfisch-Sandwich aus und nahm einen Bissen. Es stand nichts dagegen in den Regeln.

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